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Digitale Transformation der Zeitung

Das Zehn-Punkte-Papier der „SZ“ ist ein Manifest aus Banalitäten

Der Zehn-Punkte-Plan der „Süddeutschen Zeitung“ zur digitalen Transformation liest sich erschreckend uninspiriert, ist aber auch Zeugnis eines ungelösten Konflikts.

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In der Bibel steht die Zahl 10 für Vollkommenheit. Zehn Gebote sind es, die zu befolgen sind, zehn Plagen das Strafgericht der Ägypter. Zehn Finger hat der Mensch, daher das Dezimalsystem. Und die 10 ist die Rückennummer des Spielmachers im Fußball. Das ist bei Lionel Messi nicht anders als bei dem lieben Franz – er sei herzlichst gegrüßt –, der meinen Hobbyverein auch durch die unschönsten Duelle mit anderen AH-Teams dirigiert. Soll heißen: Wenn etwas bedeutsam ist oder scheinen soll, ist die Zahl 10 eine gute Wahl. Das dachte wohl auch der SZ-Redaktionsausschuss, der jüngst ein Zehn-Punkte-Papier zur digitalen Transformation formulierte. 

Das war schon die erste Überraschung: Ausgerechnet die große Zeitung aus dem Süden – die auch Vorbild sein kann für andere – findet angesichts einer der zentralen Herausforderungen der gesamten Branche nur zehn Punkte. Immerhin hat Luther doch ganze 95 Thesen formuliert, das Kommunistische Manifest umfasst 23 Seiten und der Ehrenkodex der New York Times ist bemerkenswerte 53 Seiten stark. 

Die zweite Überraschung: Wer sich von der Lektüre des SZ-Papiers dennoch starke Antworten auf die schwierigsten Fragen zur digitalen Transformation erhoffte; wer gar erwartet hatte, darin etwas Richtungsweisendes für eine ganze Branche zu finden, der wurde enttäuscht. Eine Freundin, ebenfalls Journalistin, schrieb mir nach der Lektüre des Papiers dies: „OMG, das sagt ja mal alles über die SZ“. 

MEEDIA-Redakteur Ben Krischke – Illustration: Bertil Brahm.

Die Reaktion ist verständlich. Denn der kleine Kodex ist über weite Strecken ein Manifest aus Banalitäten – und birgt für den Außenstehenden so viel Erkenntnisgewinn wie die Nachricht für das Landkind, dass die Milch aus der Kuh kommt, nicht dem Kühlregal. „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begreifen sich über alle Ressorts und Veröffentlichungskanäle hinweg als eine Redaktion“, steht darin etwa. Erstaunt ist da selbst der zugeneigte Leser: Ja, was denn sonst?! Oder dies: „Ein guter Text ist ein guter Text, egal, ob dieser digital ausgespielt oder gedruckt wird“. Puh! Nicht nur meiner Freundin – seit Jahren überzeugte SZ-Leserin übrigens – war das wirklich zu viel oder, besser, viel zu wenig. 

Jene, die den Laden besser kennen, wissen diese und weitere Banalitäten gleichwohl anders zu deuten. Denn was nach Selbstverständlichkeit klingt, ist bei der SZ alles andere als das. In Berg am Laim liegt im Jahr 2020 immer noch ein Hektar Brachland – nur vereinzelt durch Schleichwege verbunden – zwischen den Schützengräben der Printler hier und der Onliner dort. Das Drama um die ehemalige SZ-Onlinechefin Julia Bönisch war da nur die Spitze des Eisbergs. 

Diese Schützengräben haben viel mit Machterhalt zu tun, mit großen Egos, von denen es bei der SZ einige gibt, und mit dem Kampf gegen die wachsende Bedeutungslosigkeit des Gedruckten. „Nicht der Leser entscheidet, was ihn interessiert“, beschreibt einer das Selbstverständnis der Printler, „sondern die SZ entscheidet, was ihn zu interessieren hat“. Nun mag das, was im Zehn-Punkte-Plan steht, also von einer erschreckenden Banalität sein. Anerkennen lässt sich vielleicht dies: Immerhin hat’s mal einer aufgeschrieben.

Der Beitrag ist der Leitartikel der aktuellen MEEDIA. Hier können Sie die gedruckte Ausgabe abonnieren sowie eine Plus-Mitgliedschaft für unsere Online-Inhalte erwerben.

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